Building Preservation
Protected Country Estate Zurlaubenhof in Zug
Zurlaubenhof, 1597
Projektbeschrieb Melk Nigg Architects
Die Geschichte beginnt mit der Dokumentation von 1597 über ein Haus auf grüner Wiese ausserhalb der Stadtmauer. Im Laufe der Jahrhunderte wird der Zurlaubenhof über Generationen erhalten, weitergebaut und saniert, vererbt und verkauft, übernommen und streitig erworben, sowie als Geschenk weitergegeben –
Jetzt stehen wir auf dem prächtigen Anwesen. Kirschbäume und Wiesen umgeben Garten und Bauten von grösstem historischem Wert. Mit der Stadt Zug als Eigentümerin sichern wir den Erhalt für das kollektive Gedächtnis. Rechtlich geschützt sind Garten und Bauten durch die Unterschutzstellung und einer umfassenden literarischen Würdigung des Heimatschutzes, einer speziellen Bauzone sowie dem generellen Interesse und Mitspracherecht der Öffentlichkeit.
Im Rahmen von kleinen Reparaturarbeiten machen wir uns an die Arbeit. Wir versuchen als erstes, das nicht Sichtbare, die alten Geschichten vom Ort, zu verstehen. Weiter geht der Prozess mit präziser Untersuchung der Materie in Form von Sondagen nach Schichtungen der Zeit. Uns interessiert auch das Leben und die Menschen, die durch ihre Anwesenheit das Werk jetzt mit Leben erfüllen. Ist es doch die praktische Nutzung, die unter anderem mit verantwortlich ist, dass Architektur entsteht und überlebt.
Der Zurlaubenhof in seiner Gesamtheit zu erkennen und zu erfahren, Werte und Informationen in den Kontext zu stellen, das Alte zu würdigen und weiter zu denken, das alles wird uns begleiten im Prozess der Arbeit.
Schutzumfang: Bundesschutz, Kantonales Schutzobjekt Ass. Nr. 382a, b, c, d, e, f, k und Gärten, Ortsbildschutzzone, Archäologische Fundstätte, ISOS national mit Erhaltungsziel A.
Bildnachweis: Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Direktion des lnnern und Melk Nigg Architects.
- - -
Schnapstürmchen auf dem Zurlaubenhof
Projekt 2024, Realisierung 2025
Der ab 1600 entstandene Herrschaftsgarten wurde mit einer Mauer sowie drei Türmchen begrenzt. Diese dienten nicht militärischen Zwecken, trotz ihrer Schlüssellochscharten, sondern waren Teil einer zeittypischen, herrschaftlichen Landsitz-Architektur.
Eines der drei Türmchen ist bis heute erhalten geblieben. Es trägt den Namen Schnapstürmchen und musste dringend restauriert werden. Die Arbeit begann mit der Aufarbeitung der Geschichte des Ortes und des Türmchens. Die Denkmalpflege Zug und ein Spezialist für restauratorische Untersuchungen haben zusammen mit uns eine umfassende Analyse erarbeitet. Baulicher Unterhalt war dringend nötig. Wir erarbeitete das Konzept für die bevorstehenden Reparaturen, welche nach der Baubewilligung mit den Handwerkern umgesetzt wurden.
Angefangen beim Turmdach wurden handgemachte, fehlende Ziegel ergänzt und gerichtet. Darüber erscheint nun auch die Lilie mit Kugel in neuem Glanz. An der Fassade hat der Steinmetz die Sandsteingewände ausgebessert und wo nötig, mit neuem Sandstein aus dem nächsten Steinbruch repariert. Der Kunstschmied reparierte mit feiner Hand die Türschlösser und -bänder. Er zerlegte sie in ihre Einzelteile, lötete gebrochene Federn, fettete bewegliche Teile und machte die Schlösser so wieder gangbar.
Tapetenwechsel
Eine Treppe führt vom Gartensitzplatz hoch in die oberste Etage zur Trinkstube. Die Tapeten zeigten Wasserschäden, Abrieb, Risse, Fehlstellen und Schäden durch sich über Jahre ausgebreiteten, genussvollen Insektenfrass.
Wir gingen schweizweit auf die Suche nach einer Fachperson, die sich der Tapete annehmen konnte. Im Prozess stellte sich heraus, dass für dieses rare Handwerk der Konservierung und Restaurierung aufgrund der Beschaffenheit aus handgeschöpftem Papier nur eine Spezialistin in Frage kam. So konnten wir die überlagernde Geschichte in Form von drei verschiedenen Papiertapetenfassungen bestmöglich in die Zukunft überführen.
Die ersten Tapetenarbeiten stammen aus dem Jahr 1780. Damals wurden Holzrahmen erstellt und das Jutegewebe darauf als Wandverspannung aufgezogen. Darauf folgte die erste Papierauflage, die sogenannte Makulatur. Diese Schicht wurde mit handgeschöpftem Papier aufgebracht, das für diese Zeit aus sehr grossen Einzelbögen bestand. Später folgten weitere Schichten. Der damalige Künstler malte darauf ein kreatives, detailliertes Blumenmuster, inspiriert von der Natur. Gestalterisch geschickt umgesetzt sind die Blumengemälde und grünen Felder, die von einer breiten Velours-Bordüre mit einem sogenannten Eierstab umfasst werden. Dieser bringt die grünen Felder besonders zur Geltung.
Diese Tapeten sowie weitere malerische Arbeiten auf dem Zurlaubenhof bestechen durch ihre Einmaligkeit. Es ist davon auszugehen, dass die sehr gebildete Familie Zurlauben ihren ausgeprägten Sinn für hochwertige Kunst auf ihren Reisen, unter anderem an französischen Höfen, schärfen konnte und diese damals innovativen Werte nach Zug brachte.
Die Restauratorin, die das Werk nun instand setzte, arbeitete mit der höchsten Prämisse, die Geschichte zu erhalten und ihre Ergänzungen lesbar zu machen.
- - -
Rosenlaube auf dem Zurlaubenhof
Projekt 2024, Realisierung 2025
Projektbeschrieb von Melk Nigg Architects und Petra Schröder, Landschaftsarchitektin
Ein Laubengang, der auf Skizzen erstmals um 1700 auftauchte, säumt den Herrschaftsgarten einseitig. Eine Materialanalyse des filigranen Stahlskeletts belegt das 100-jährige Bestehen der heutigen Rosenlaube.
Laubengänge sind Gartenelemente, deren Geschichte sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt und die im herrschaftlichen Renaissancegarten als Schmuckelement, Raumteiler und Schattengang wieder aufgegriffen wurden. So auch im Zurlaubenhof, wie Skizzen um 1700 nahelegen. Die Ende des 19. Jahrhunderts erschaffene Rosenlaube knüpft an diese Tradition an. Mit ihrer üppigen Rosenpracht bildet sie einen klaren, räumlichen Abschluss des Parterregartens nach Norden und schützt ihn vor kalten Winden. Zugleich schafft sie ein ganz besonderes Raumerlebnis: Einen Binnenraum, der zum Spazieren oder Verweilen im Schatten einlädt – ein schattiges Versteck, das an ausgewählten Stellen den Blick nach draussen in den Garten oder in die Kulturlandschaft öffnet.
Die Rosen gediehen bestens, doch unter deren Gewicht litt die feine Stahlkonstruktion. Eine detaillierte Untersuchung der Stahlprofile gab Hinweise zum Bestand: Anhand der verwendeten Schrauben und deren Gewinde konnte mittels Messung der Schraubgewinde-Steigungen festgestellt werden, dass die Rosenlaube in dieser Form gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde.
In enger Zusammenarbeit zwischen uns Architekten, der Denkmalpflege, der Landschaftsarchitektin sowie dem zuständigen Kunstschmied, konnte eine Lösung gefunden werden, um das vorhandene Material zu erhalten: Die feinen 13x13 mm-Profile spannten sich ursprünglich bogenförmig über mehrere Meter. An der schwächsten Stelle waren sie verschraubt – also durch das Schraubenbohrloch zusätzlich geschwächt. Von oben kam die Last der mehrjährigen Rosen, zudem war das Konstrukt über Jahre Wind- und Schneelasten ausgesetzt. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass die Konstruktion zu schwach ist, und zugleich hatten wir den Wunsch, die wertvolle, aufwändige und ästhetisch gestaltete Konstruktion zu erhalten.
So erarbeitete der Kunstschmied eine Lösung, indem er – ähnlich wie bei einem Pfeilbogen – Stabilität in die Konstruktion brachte. Spannt man die Rundbögen aus Metall mit einem Zugseil, ähnlich der Pfeilbogensehne, so ist die Rosenlaube stabil genug, um die Konstruktion tragfähig zu machen. Feine Gewindebohrungen in die bestehenden Profile und geschwärzte Stahl-Zugseile halten nun, für das Auge fast unsichtbar, die Laube in Form.